Zwischen Gotthard und den letzten Ausläufern der Alpen in Norditalien lockt eine abwechslungsreiche Wanderung mit aussichtsreichen Höhenwegen, urigen Bergdörfern und dem Funkeln des Lago Lugano.
Bevor ich mit dem eigentlichen Bericht zu unserer Wanderwoche starte, hier ein paar Eckdaten zur Wanderung:
Endlich wieder das Gewicht des Rucksacks auf den Schultern! Am Bahnhof Hamburg-Altona startet für meinen Wanderfreund Georg und mich das Abenteuer im ÖBB-Nightjet. Der Plan: Erwachen in Basel, zwei Mal umsteigen und der erste Wanderschritt in Airolo noch vor dem Mittag.
Doch wie das bei Fernreisen so ist: Ein defekter Waggon wirbelt unseren Zeitplan durcheinander. Zwei Stunden später als geplant erreichen wir unser Ziel. Aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit disponieren wir kurzfristig um und starten nicht wie geplant in Airolo, sondern eine Station später, in Ambrì-Piotta, von wo wir problemlos zur Strada Alta aufsteigen können. Hier zeigt sich die Stärke des schweizerischen öffentlichen Verkehrs: Nahezu jeder Ort entlang des E1 im Tessin ist gut mit dem Zug oder dem Postauto erreichbar – selbst die meisten der kleinen Dörfchen an der Strada Alta, durch die wir in den nächsten Tagen kommen sollten.
Schon bei meiner letzten Wanderung von Andermatt über den Gotthard nach Airolo ist mir aufgefallen, wie plötzlich der Wechsel in einen anderen Kulturraum vonstatten geht. Erfährt man nördlich häufig das klassische Bild des "Heidi-Landes", wirken direkt nach der Überquerung Architektur und Flora auf einmal deutlich mediterraner. Gesprochen wird überwiegend italienisch und das Wetter erscheint mir - trotz des Nieselregens zu Beginn unserer Wanderung - südlich des Gotthard auch freundlicher. Wir vergessen in den kommenden Tagen häufig, dass wir in der Schweiz und nicht in Italien unterwegs sind.
Die ersten drei Etappen führen uns auf die Strada Alta – ein Panoramaweg, der Teil des Trans Swiss Trail ist und häufig als solcher markiert ist. An den Hängen des Leventina-Tals schlängelt sich der Pfad Richtung Süden und bietet ein ständiges Wechselspiel: Mal wandern wir auf schattigen Waldwegen und queren Bergbächlein, mal über offene Hänge mit weiten Ausblicken über das Tal. Es gibt aber auch Abschnitte auf Wirtschaftswegen oder kleinen Straßen, nur selten ist der Weg ausgesetzt.
In den kleinen Dörfern am Wegesrand entdecken wir liebevoll restaurierte Häuser und terrassierte Gärten, in denen es jetzt im Spätsommer summt und blüht. Besonders gefallen uns die Gemüsegärten mit reifen Tomaten, gelb blühenden Zucchini und riesigen Kürbispflanzen.
Ein Segen für uns Wanderer sind die zahlreichen Dorfbrunnen – perfekt, um die Wasserflaschen mit frischem Wasser zu füllen. Während Einkaufsmöglichkeiten hier oben Mangelware sind (abgesehen von charmanten Selbstbedienungs-Häuschen mit regionalen Köstlichkeiten), mangelt es nicht an Kultur: Stolz thronen mittelalterliche Kirchen auf den Felsvorsprüngen. Ein Blick ins Innere lohnt sich fast immer, um die teils jahrhundertealten Fresken zu bewundern.
Darunter im Tal verläuft der Ticino, dem der E1 noch bis weit nach Italien hin immer wieder folgen wird. Allerdings auch die vom Gotthard kommende Autobahn, die glücklicherweise in den kommenden Tagen nur stellenweise zu hören und zu sehen ist. Hier im Tal verläuft auch die "Wanderland Route 7 / Via Gottardo". Diesem Wanderweg werden wir in einigen Tagen bei Biasca begegnen. Er kann also alternativ zur Strada Alta genutzt werden, der Verlauf erscheint allerdings weniger reizvoll.
Auf der Strada Alta gibt an allen Etappenorten gute, oft einfache Übernachtungsmöglichkeiten mit Verpflegung. In Osco wurden wir im Ristorante Marti herzlich aufgenommen und konnten in netter Atmosphäre in der gut gefüllten Gaststube den ersten Abend bei Antipasti, Braten, Polenta und anderen Köstlichkeiten ausklingen lassen. In Anzonico bietet die Osteria Anzonico müden Wanderern eine Terrasse mit einem wundervollen Blick. Dort genießen wir zunächst leckeres Eis, später kühle Getränke und am Abend ein ausgezeichnetes Essen.
Etwas wehmütig steigen wir am Ende der dritten Etappe wieder hinab ins Tal. Der letzte Abstieg ist steil und führt unter hoch aufragenden Felswänden immer weiter hinab. Unten angekommen hat uns die Zivilisation wieder. Vorbei an Neubausiedlungen und entlang von stark befahrenen Straßen erreichen wir das Zentrum von Biasca, wo wir in einer kleinen Ferienwohnung unterkommen. Da es hier Einkaufsmöglichkeiten gibt, bereiten wir uns unser Essen heute selber zu und speisen auf dem Balkon.
Im Tal - hier Riviera genannt - erwartet uns nun eine landschaftlich weniger reizvolle, dafür aber sehr lange und anstrengende Etappe nach Bellinzona. Diese führt ohne nennenswerte Steigung am Ticino entlang und damit leider auch wieder in unmittelbarer Nähe der Autobahn. Dennoch gibt es unterwegs immer wieder Interessantes zu entdecken. So führt der Weg vorbei an einem Artilleriewerk aus dem zweiten Weltkrieg und im späteren Verlauf sind gigantische Granit-Bergwerke zu sehen. Bei Lodrino wird der Riale di Lodrino auf einer Brücke überquert, der hier in den Ticino mündet. Dies ist ein idealer Ort, um direkt am Fluss eine Pause einzulegen.
Der E1 überquert wenig später den Ticino und verläuft am östlichen Ufer weiter. Kurz danach findet sich an der Straße eine unscheinbare Panetteria. Hier haben wir einen schnellen Kaffee getrunken und später sehr bereut, keine Backwaren eingekauft zu haben, denn alles in der Auslage sah köstlich aus. Nun wechseln sich sehr unterschiedliche Ansichten in kurzer Folge ab. Mal läuft man direkt am Fluss durch eine wundervolle mediterrane Landschaft, mal passiert man Gewerbeanlagen und abgestellte Schrottsammlungen. Nach einem längeren, recht grünen Abschnitt, der durch einen Skulpturenpark von Fulvio Roth führt sind bei Castione kurz vor Bellinzona vor allem Industrieanlagen und Schuttberge zu bestaunen. Der letzte Abschnitt direkt vor der Stadt ist nun wieder deutlich schöner. Hier finden sich auch Badestellen.
Schließlich verlassen wir den Fluss und biegen in Richtung Zentrum ab. Der Weg führt auf einer langen Fußgängerbrücke direkt durch eine Freizeitanlage mit Schwimmbad. Trotz der müden Beine, schlagen wir noch ein paar Haken um, möglichst viel von der sehenswerten Innenstadt und das Castel Grande, eine der drei Festungsanlagen der Stadt. Erfrischt von einem leckeren Eis erreichen wir schließlich die eindrucksvolle Jugendherberge von Bellinzona. Dieses einst als Privatvilla errichtete und später als Schule mit Internat genutzte Gebäude bietet neben einfach ausgestatteten Zimmern einen schönen Garten, der sich über einige steile Terrassen bis hoch an die Mauern des Castello di Montebello erstreckt. Von hier hat man einen tollen Blick über die Stadt.
Der E1 verlässt nun nach einigen Kilometern wieder das dicht besiedelte Tal. Wir sind froh, den Trubel der Stadt wieder hinter uns zu lassen und steigen steil auf einem hübschen Weg zum Cima di Dentro auf. Dort freuen wir uns über ein rostiges Hinweisschild auf den E1 - dem ersten, dem wir auf dieser Wanderung begegnet sind. Nun geht es direkt an einem Truppenübungsplatz der Schweizer Armee hinab nach Isone. Der Ort bietet mehrere Übernachtungsmöglichkeiten - ideal für alle, die die lange und anstrengende Etappe nach Tesserete halbieren wollen.
Der Weg von Isone nach Tesserete ist ein Highlight dieses Abschnitts. Der Weg ist abwechslungsreich und führt stetig bergauf zum Naturschutzgebiet und Moor Gola di Lago. Hier säumen zahlreiche Birken den Weg. Auf der Alpe Santa Maria kann Alpkäse aus eigener Produktion erworben werden - hier machen wir eine kurze Pause.
Wer auf dieser Etappe noch Kraft für kleine Umwege hat sollte unbedingt Abstecher auf die Gipfel des Cima di Lago und vor allem des Moschera einlegen. Von letzerem bietet sich ein grandioser Panoramablick. Wir blicken auf den blau funkelnden Lago Lugano und erahnen den Wegverlauf der kommenden Etappen. Auch der Abstieg nach Tesserete - unserem Etappenort ist schön. In Tesserete werden wir im Ristorante Stazione - einem leidenschaftlich geführten Familienbetrieb - herzlich empfangen und köstlich bewirtet.
Der Abschnitt bis nach Lugano erscheint uns eher eintönig, auch wenn der Weg erstaunlich "grün" durch die recht dicht besiedelte Gegend führt und sich gelegentlich auch ein schöner Blick auf den See bietet.
Die Stadt Lugano und die Promenade am See sind eindrucksvoll. In Paradiso beginnt der steile Aufstieg zum Monte San Salvatore. Alternativ kann auch die Standseilbahn genommen werden. Oben bietet sich ein phantastischer Rundblick - bei gutem Wetter mit Blick bis zur den 4.000er-Gipfeln des Matterhorn und der Dofourspitze.
Für mich ist hier ein besonderer Meilenstein - denn ich erreiche hier die 2.000-Kilometer-Marke auf dem E1 🎉. Es fehlen also "nur noch" 6.000 Kilometer, bis ich ihn komplett geschafft habe 😉.
Der weitere Weg nach Morcote führt uns durch den schönen botanischen Garten "Parco San Grato", mit einer großen Sammlung an Azaleen, Rhododendren und Nadelbäumen. Nach steilem Abstieg auf endlosen Stufen erreichen wir schließlich den südlichsten Punkt des E1 der Schweiz, das malerisch am See gelegene, aber auch sehr touristische Morcote, über dem die schöne Kirche Santa Maria del Sasso thront. Nach einem leckeren Eis und einem erfrischenden Bad im See besteigen wir schließlich die Fähre hinüber nach Porto Ceresio und freuen uns auf die Fortsetzung in Italien!
Porto Ceresio auf der italienischen Seite des Lago Lugano ist zwar auch touristisch geprägt, es wirkt aber alles etwas bodenständiger und weniger schick als auf der Schweizer Seite. Für uns kein Nachteil - ganz im Gegenteil - wir fühlen uns hier sehr wohl und genießen ein leckeres Abendessen direkt am See mit einem tollen Blick hinüber in Richtung Morcote. Leider beginnt unser E1 in Italien mit starkem Regen, für den folgenden Tag sind größere Unwetter vorhergesagt. Und so kommen wir während des steilen Aufstiegs zu Beginn der Etappe unter unseren Regensachen so sehr ins Schwitzen, dass wir uns fragen, ob man ohne diese nicht genauso nass wäre. Der Weg ist nun durchgängig und gut als E1 markiert. Von der Landschaft ist allerdings nicht viel zu sehen - alles bleibt unter einem grauen, diesigen Schleier verborgen.
Der Monte Piambello ist bei schönem Wetter sicherlich ein guter Aussichtsberg. Er liegt nur wenig abseits des Weges, aber auch bei schlechtem Wetter lohnt ein Abstecher hierher, da es einen kleinen Unterstand gibt, an dem ich zwei begeisterte Pilzsammler treffe. Es geht fast die ganze Zeit auf schotterigen Wegen durch den Wald. Das nette kleine Künstlerdorf Boarezzo mit seinen vielen Malereien an den Häuserfassaden ist ein Höhepunkt dieser Etappe. Im strömenden Regen erreichen wir schließlich Brinzio wo wir sehr lecker im Il Borgo speisen.
Leider endet hier unsere Wanderung einen Tag früher als geplant, da uns bei den Wetterprognosen mit Unwettern und heftigen Niederschlägen eine Wanderung über die Berge des Campo dei Fiori nicht ratsam erscheint. So fahren wir schweren Herzens mit dem Bus nach Varese und von dort zurück nach Lugano. Hier verbringen wir den Tag mit Museumsbesuchen, Kaffetrinken und einer kleinen Nachmittagswanderung auf dem malerischen Ufer-Wanderweg Sentiero dell'olivo von Lugano nach Gandria. Am Abend geht es dann mit dem Zug zurück in den Norden.
Es war eine wunderbare Wanderwoche auf dem E1 mit vielen Eindrücken und viel Dolce Vita!
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